Das gesammelte Schweigen einer Weinbergschneckenzüchterin
Mein erstes Schreiben an Frau Merkle

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Es liegt mir fern, Frauenzeitschriften abzuwerten, nur weil sie frauenspezifische Themen aufgreifen. Sie sind ein netter Zeitvertreib ohne nennenswerten Tiefgang und im allgemeinen kann man den Inhhalt getrost sofort wieder vergessen, wie übrigens auch den von Männerzeitschriften. In diesem speziellen Fall aber hat die Zeitschrift Brigitte Woman in ihrer Ausgabe 03/06 einen Artikel heraus gebracht, der ein Musterbeispiel an unreflektiertem Journalismus ist. In diesr Sparte eigentlich nichts ungewöhnliches, wenn denn diese Zeitschrift nicht auf die Zielgruppe selbstständige, emanzipierte Frau des gehobenen Mittelstandes abstellen würde. Da hätte man doch eine etwas kritischere Berichterstattung erwarten dürfen. Aber lesen Sie selbst:

Per Fax: (0)7308 924734

Frau
Monika Merkle
Hallstattweg 2

89278 Nersingen

Bergheim 02.07.2006

Töten von lebenden Weinbergschnecken durch kochendes Wasser

Sehr geehrte Frau Merkle,

in der Ausgabe 03/06 der Zeitschrift Brigitte Woman ist in dem Artikel über Ihre Schneckenzucht fol-gendes zu lesen: „Schnecken werden nicht mehr wie früher tagelang in Salz oder Mehlfässer gelegt, um zu entschleimen, `das ist Tierquälerei´, sondern in kochendem Wasser wie Muscheln gebrüht.“

Versuche mit Muscheln haben bereits 1993 gezeigt, dass viele Körperbereiche der Miesmuschel hormonartige, schmerzlindernde Stoffe erkennen; genauer gesagt: Endorphine. Endorphine stammen aus derselben Chemikaliengruppe wie die Schmerzstiller Heroin und Morphium: sie alle sind Morphine. Dass Muscheln diese Stoffe erkennen, ist gleichbedeutend, dass diese Tiere über ein Schmerzempfinden verfügen müssen, weil sonst diese Fähigkeit keinen Sinn machen würde. Da das Nervensystem der Weinbergschnecke mindestens genauso hoch entwickelt ist wie das der Miesmuschel, muß auch die Schnecke über Schmerzrezeptoren verfügen.

Dies wird übrigens auch durch Herrn Professor Lothar Jännicke (Biochemie in Köln) bestätigt: "Gleiche Funktionen werden in allen tierischen Geweben von den gleichen Biomolekülen ausgeübt. Das gilt auch für hormonartige Signalstoffe".

Da nun Muscheln und Schnecken – weil beides Tiere - in diesem Punkt identisch sind, hätte ich folgende Fragen:

Wenn das Einlegen in Salz- oder Mehlfässer Ihrer Ansicht nach Tierquälerei ist, warum ist es dann Ihrer Ansicht nach keine Tierquälerei, wenn man die Schnecken bei lebendigem Leibe in kochendes Wasser wirft? Und was macht Sie so sicher, dass die Tiere sofort tot sind und nicht noch den Schmerz der Verbrennung verspüren, vor allem dann, wenn die Schnecke eventuell erst mit ihrem Fuß in das kochende Wasser geworfen wird?

Ich bin mir darüber im Klaren, dass Ihre Methode im Einklang mit dem zur Zeit (noch) gültigen Tierschutzgesetz steht. Aber nicht alles, was gesetzlich erlaubt ist, ist auch ethisch vertretbar.

Und deshalb hätte ich gerne gewußt, ob Sie es mit Ihrem Gewissen vereinbaren können, Tiere bei vollem Bewußtsein in kochendes Wasser zu werfen.

Mit freundlichen Grüßen
Christina Kremer